Kunde: Bayern Design
Auftrag: Vortrag, 45 Min
Titel: Rückkehr zum Ursprung – Fortschritt im Design
Tag: 21.10.2005
Ort: Nürnberg



Rückkehr zum Ursprung – Fortschritt im Design


Auf ein Wort vorweg

Der vorliegende Text basiert auf einem Redemanuskript und erhebt weder den Anspruch auf wissenschaftliche Gründlichkeit noch auf wegweisende Erkenntnisvermittlung. Wenn der eine oder andere Leser für seine Arbeit dennoch wertvolle Anregungen erhält, dann war mein Referat auf der Veranstaltung von Bayern Design in Nürnberg nicht vergeblich. Es würde mich freuen!

Die folgenden Inhalte bewerte ich eher als die Bemerkungen eines Design-Laien, der durch Stolpersteine der Erkenntnis eine neue Sicht der Wirklichkeit vermitteln möchte.


Alles Sein ist Design

Vorweg: Die Schöpfungskraft der Natur ist der Prozess einer fortlaufenden Evolution und nicht das Werk Gottes, wie es derzeit christliche Fundamentalisten in den USA propagieren. Gefördert durch die Bush-Administration wird Charles Darwin aus den Schulbüchern verbannt und Gott als der große reale Schöpfer der Erde herausgestellt.

Diese Rückkehr zu einer Sichtweise, wie sie vor der Erkenntnis des Darwinismus herrschte, meine ich nicht, wenn ich von neuen Wegen in eine nachhaltige Zukunft spreche. Unter dieser Rückkehr zum Ursprung verstehe ich eine Neuorientierung des Designs an den Grenzen der Biosphäre und den wahren Bedürfnissen des Menschen.

Ich vertrete die Auffassung, dass eine Weltgesellschaft nicht überlebensfähig ist, die ihre Ökosysteme zerstört, nicht erneuerbare Rohstoffe verbraucht, die Wirtschaft konzentriert und damit Arbeitsplätze vernichtet, sich weltweit in Arm und Reich spaltet und Menschen ausbeutet.

Und da Design eine der elementarsten kreativen Funktionen der Gesellschaft erfüllt und treibender Faktor der Wirtschaft ist, steht der Designer in einer zentralen Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft. Er darf nicht mehr die Grenzen der Ökologie ignorieren und nicht mehr Produkte produzieren, die die Menschen zum überflüssigen Kauf verführen.

Unter Rückkehr zum Ursprung verstehe ich bestenfalls die Strategie, dass wir von der Natur lernen können. Wir können lernen, dass der Polarfuchs kleine Ohren hat und der Wüstenfuchs große. Wäre es umgekehrt, würden dem Polarfuchs in der Antarktis die Ohren abfrieren und der Wüstenfuchs an Hitzestau sterben.

Aus solchen Selbstverständlichkeiten der Lebensformanpassung der Natur können wir lernen, dass das System und nicht ein Designer das beste Design bestimmt. Die milliardenfachen Varianten der Lebewelt, die Giraffe mit ihrem langen Hals, das Nilpferd mit seinem breiten Maul und der Specht mit seinem spitzen Schnabel entspringen eben nicht der Kreativität eines Designers, sondern sind die Folge einer Anpassung an die Umwelt.

In dieser Erkenntnis liegt vielleicht ein neuer Impuls für das Design, nämlich das Denken von den Grenzen der Biosphäre und den Erfordernissen einer zukünftigen Überlebensstrategie.

Und was mir vorab noch wichtig ist, ist die Vermittlung der banalen Realität, dass die Erde ein begrenzter Lebensraum und ein einziger lebender Organismus ist, der durch Rückkopplungsmechanismen seine eigene Lebenserhaltung betreibt. Die Komplexität dieses Phänomens ist so schwer zu verstehen, wie der Superorganismus Ameisenhaufen, der nur als System überlebensfähig ist.

Ob hierbei die einzelne Ameise eine Rolle oder keine Rolle spielt, ist offen. Sie ist ebenso offen wie die Frage, ob ein einzelner Mensch als Designer eine Rolle spielt oder nicht. Ich schließe diese einführenden Betrachtungen mit der Aussage von Häuptling Seattle: Wir sind ein Teil der Erde – und sie ist ein Teil von uns.


Welt und Weltgesellschaft – die neue Sicht der Wirklichkeit

„Design follows function“ ist eine Erkenntnis, die zwar immer noch richtig ist, aber welcher Funktion folgt es? Welches Design braucht unser System, um zu überleben? Überleben muss aber das oberste Ziel der Gesellschaft und Wirtschaft sein, nicht Design an sich und nicht materieller Gewinn!

Wir verfügen über ausreichendes Wissen und heute noch über ausreichende Ressourcen. Das Problem ist nur, dass die Ressourcen falsch genutzt werden und das Geld falsch verteilt ist. Diese falsche Entwicklung konnten wir uns bisher erlauben; unsinniges Design hat nicht geschadet, aber ein Umdenken ist unerlässlich.


Machtausbau der Weltwirtschaft

Die globale Marktliberalisierung ist zum Albtraum einer Ökonomie geworden, die sich in keine ökologischen und sozialen Werte oder Ziele mehr einbinden lässt. Innerhalb weniger Jahre ist eine völlig andere Welt entstanden, und das Industriezeitalter ist ebenso zu Ende wie die Nachkriegszeit und der Kalte Krieg.

Transnationale Unternehmen sind auf dem Weg, eine privat organisierte globale Wirtschaft zu etablieren. Der Staat wird abgeschafft, der Vorrang des Wirtschaftlichen über das Politische tritt immer deutlicher hervor, die Autonomie von Regierungen wird reduziert und politische Parteien geraten an den Rand der Bedeutungslosigkeit. Organisationen, wie der Internationale Währungsfonds, die Welthandelsorganisation und die Weltbank beherrschen in weiten Teilen der Welt die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.

Die Macht des Kapitals degradiert nationale Regierungen zu Dienstleistern der Wirtschaft. Damit geraten die Leitworte der Neuzeit für Humanität und Demokratie, nämlich Liberté, Egalité, Fraternité, zu hohlen Floskeln und viele alte Bezugspunkte einer freien und sozialen Marktwirtschaft sind verschwunden. Die Folgen sind eine Krise des Sozialismus, eine Renaissance des Nationalismus sowie ethnische und religiöse Spannungen, globaler Terror und weltweite Migrationsströme.


Führungsanspruch der USA

Die Krise der Weltgesellschaft basiert zum großen Teil auf ihren technischen Errungenschaften, dem Erfolg der Globalisierung des „American way of Life“. Die Imperialismus-Bestrebungen der Vereinigten Staaten – sie kontrollieren mit 1,5 Mio. Soldaten weltweit 52 % der Erdoberfläche, auf der 60 % der Bevölkerung leben – sind zwar zur Zeit höchst effizient, aber nicht zukunftsfähig.

Zunehmend entlarvt sich globales Marketing für globale Marken als eine Bedrohung der Regionen, eine Bedrohung gewachsener Kulturen und als Bedrohung regionaler Produktvielfalt.

Man kann die Entwicklung beklagen, ändern wird sich durch bloßes Klagen nichts. Eine Neuorientierung für eine zukunftsfähige Entwicklung wird nur erzielt, wenn wir bereit sind, etablierte Denkhaltungen aufzugeben und wirklich neue Wege zu suchen.


Neues Wachstumsverständnis

Bisher wird unser Wohlstand auf quantitatives Wachstum bezogen. Selbst Krankheitskosten erhöhen das Bruttosozialprodukt. In Wirklichkeit schrumpft jedoch seit Jahrzehnten unsere Lebensqualität durch schleichende Naturzerstörung und die psychosoziale Verwüstung der Gesellschaft.

Wir müssen Wachstum als Veränderung verstehen. Jahresringe im Holz sind der schönste Beweis für Wachstum. Wachstum gibt es, seit es Leben gibt, und der Tod ist der Beginn neuen Lebens. Der Mensch allerdings scheint sich mit seinen Technologien zu Tode zu wachsen. Aber nur er. Bäume beispielsweise tun das nicht. Bäume wachsen zum Himmel, aber nicht in den Himmel. Sie haben offensichtlich eine „systemerhaltende“ Kombination von begrenztem quantitativem und qualitativem Wachstum gefunden. Daraus sollten wir lernen.

Begrenztes Mengenwachstum, kombiniert mit unbegrenztem Qualitätswachstum (Kreativität), gehört zur Erfolgsstrategie der Natur. Immer mehr geht auf Zeit nicht. Immer besser geht immer.


Neues Arbeitsverständnis

Es ist offensichtlich, dass Wirtschaftswachstum keine Arbeitsplätze schafft. Intelligente Technologien, Maschinen und höherer Energieeinsatz schaffen zwar Wachstum, aber vernichten Arbeit für Menschen. Um humane Arbeit zu schaffen und eine nachhaltige Entwicklung einzuleiten, sollten wir verstehen, dass die hohe Arbeitslosigkeit nicht die Folge einer Wirtschaftskrise, sondern die Konsequenz einer epochalen Veränderung war.

Die Menschheit befindet sich wieder vor einem Paradigmenwechsel, dem größten in ihrer Geschichte. Er erfordert eine Umkehr des Denkens in allen Bereichen: der Umwelterhaltung, der Politik, der Wirtschaft, der Kultur und des Designs.


Neues Denken für das Gute

Mit eingeschränkten Denkmustern von Technikern und Politikern, die nur das „technisch Machbare“ und „ökonomisch Rentable“ verfolgen, ist eine nachhaltige Zukunft nicht einzuleiten. Eine Gesellschaft, die Kultur und Ethik aus ihrem Alltag verbannt und in die Feuilletons verjagt, eine solche Gesellschaft ist nicht zukunftsfähig.

Die große Herausforderung im 21. Jahrhundert liegt in einer Neuorientierung der Konsumgesellschaft für eine nachhaltige Entwicklung. Die Gesellschaft muss feststellen, dass ihr heutiger Zustand, beispielsweise die bedauernswerte Verhässlichung der Lebensräume, der Stumpfsinn heutiger Unterhaltungsmusik, das Niveau der Zeitungen, die katastrophale Qualität der Fernsehprogramme sowie die Geiz-ist-geil-Werbung für Billigpreise nicht zukunftsfähig und enkelgerecht sind.

Wir müssen uns dringend auf die Lösung der Probleme konzentrieren und nicht auf den rein materiellen Gewinn. Nur wenn wir das tun, werden wir weniger Probleme und genügend Arbeit haben.


Neue Wege in die Zukunft

Wenn auf der Seite der Globalisierung, die Konzentration der Konzerne und des Kapitals die Welt in eine 20 : 80-Gesellschaft spaltet, also in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der eine Minorität den bei weitem überwiegenden Teil der Macht auf sich vereint hat, dann wächst nach dem Urphänomen der Polarisierung die Gegenseite. Dann gilt es, eine Regionalisierung der Weltwirtschaft einzuleiten und für die 80 % der Weltgesellschaft neue Allianzen zu schmieden. Dann brauchen wir Vernetzung, Dezentralisierung, mehr regionale Wertschöpfung, mehr Naturschutz, mehr Lebensqualität und ein besseres Design.

Wir können nicht weitermachen wie bisher. Eine Weltgesellschaft, die:

• ihre natürlichen Lebensgrundlagen zerstört
• Arbeit vernichtet
• die Gesellschaft spaltet und
• Menschen ausbeutet

ist nicht nachhaltig und nicht zukunftsfähig. Wir benötigen eine Entwicklung, die Lebensqualität über die größtmögliche Zeit für die größtmögliche Zahl der Menschen anstrebt und Natur erhält, Arbeit schafft und soziale Gerechtigkeit sichert.


Devolution statt Revolution

Unter Devolution wird der Übergang eines Rechtes oder Besitzes an einen anderen verstanden. Um den Übergang der Macht Weniger auf Viele zu organisieren, ist eine neue Sichtweise nötig. Eine radikale Umkehr in den Einbahnstraßen des Denkens. Das Gefühl der Ohnmacht des Einzelnen muss einem Bewusstsein der Macht aller weichen. Es ist zu erkennen, dass die Strategie der globalen Ausbeutung lokal an der Kasse beginnt.Der Verkauf globaler Marken konzentriert Kapitalströme zur Finanzierung der Ausbeutung und Verteidigung begrenzter Ressourcen.

An der Kasse wird entschieden, wohin die globalen Geldströme fließen. Wenn sich beispielsweise der globale Erfolg der Wal-Mart-Kette als falsch herausstellt, das Vermögen der Inhaberfamilie Walton, das heute so groß ist wie das jährliche Bruttosozialprodukt Ägyptens mit rund 100 Mrd. US-Dollar, als zu starke Machtkonzentration erkannt wird, dann kann der Konsument dies akzeptieren und weiter fördern oder er kann es ändern, indem er woanders einkauft.

Eine der wichtigsten Maßnahmen ist Bildung für nachhaltige Entwicklung und die Vermittlung der Erkenntnis, dass Billigpreise systemzerstörend sind, dass sie die ökologischen Lebensgrundlagen vernichten, Arbeit reduzieren und soziale Ungerechtigkeit fördern.

Die Konzentration des Kapitals ist zu vermeiden und ein Übergang der Macht auf den Käufer anzustreben. Der Konsument wandelt sich durch Bildung vom Faktor für Marktanteile zum Partner für Marktbestimmung. Der aufgeklärte Konsument wird treibende Kraft einer Konsumenten-Demokratie mit dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung.

Eine solche Entwicklung ist die neue Herausforderung für das Design. Design an der Schwelle des 21. Jahrhunderts darf nicht mehr nur als Formgestaltung für Produkte verstanden werden. Design muss eine neue übergeordnete Philosophie für die Schöpfungskraft des Menschen, seine Gestaltungsfähigkeit für eine nachhaltige Entwicklung werden.

Die Ablösung unseres umwelt- und menschenfeindlichen Konsumverhaltens braucht jedoch mehr als ein neues Design, sie braucht eine Neuorientierung des Einzelnen; eine Neuorientierung der Gesellschaft.


Bedürfnisse und nachhaltiger Konsum

Das Konzept der Nachhaltigkeit ist kein Entwurf der Neuzeit. Es ist ein Weltkulturerbe. Viele vormodernen Kulturen waren Hochkulturen der Nachhaltigkeit. Nachhaltiger Umgang mit der Natur war eine Lebensbedingung.

Nachhaltiger Konsum für eine nachhaltige Entwicklung muss nicht traurig stimmen, denn vergleichende empirische internationale Studien zur Lebensqualität in armen und reichen Ländern bestätigen, dass die einfache Gleichung Konsum gleichbedeutend mit Glück so einfach nicht ist. Sie wird sogar widerlegt, denn die meisten der echten, tiefen Grundbedürfnisse sind durch Kauf nicht zu befriedigen.

Es ist nicht zu leugnen, dass unsere persönliche Identität heute mit unserem Kaufverhalten verbunden ist, mit der Frage, was wir wo einkaufen. Konsum steht heute häufig als Ersatz für unbefriedigte seelische Bedürfnisse, für das Verdrängen von Ängsten und als Substitut für Demokratie.

Doch vor dem Hintergrund, dass wir nicht mehr verbrauchen können als nachwächst und dass wir nicht länger zu Lasten zukünftiger Generationen leben dürfen, müssen wir auch die Fragen für nachstehende Antworten finden:

- Was will der Mensch?
- Was braucht der Mensch?
- Was darf der Mensch haben?

Fest steht, dass es auf einer begrenzten Welt kein unbegrenztes Wachstum und keine grenzenlose Befriedigung aller Bedürfnisse mit materiellen Produkten geben wird.

Fest steht auch, dass obwohl unsere Wirtschaft nach dem Krieg das Bruttosozialprodukt ständig gesteigert hat, die elementaren Bedürfnisse des Menschen immer weniger befriedigt wurden. Bedürfnisse bestehen nach intakter Umwelt, nach sicherem Arbeitsplatz, nach Geborgenheit im Alter und nach einer lebenswerten Zukunft in der Heimat.

Wir sollten einfach damit aufhören, Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen, mit Geld, das wir nicht haben, um Menschen zu beeindrucken, die wir nicht leiden können.


Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung – Design oder Nichtsein

„Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“
Zitat: Francis Picabia

Die visuelle Verschmutzung unserer Lebenswelten und Lebensräume, das Übermaß der Produktion an ordinären Kitschprodukten und elitärem Design-Kitsch und die Unmenge unnötiger Trendprodukte mit immer kürzerer Lebensdauer hat schon lange die Grenze der Vernunft überschritten.

Neben dem alltäglichen Wegwerfplunder sind auch fragwürdige Produkte wie Sandalen mit eingebauter Waage und Körperfettmesser, die überflüssige Pfunde anzeigen, oder der neue Bugatti Veyron, der über 400 km/h fährt und 1,2 Mio. Euro kostet, auf dem Prüfstand eines TÜV für nachhaltige Entwicklung zu stellen.

Auch Produkte, die mit immer dümmeren Techno-Vokabeln wie „Booster-Saugstoß-Fühler“ oder „Midsoul-Compressions-Set“ und „Trinomic-System“ sind nicht nur Betrug und täuschen neue Techniken oft nur vor, sie sind unsinnig.

In einer Zeit, in der immer schnellere, „intelligentere“ Autos die Straßen verstopfen und die Müllberge weiter wachsen, ist eine Umkehr zur Produktion, die wesentliche Wünsche und Bedürfnisse des Menschen befriedigt, notwendig. Die Produktion überflüssiger Produkte hat wahnsinnige Ausmaße angenommen und erfordert eine Rückbesinnung.

Die Fehlentwicklung hat viele Gründe: Abstumpfung, Kulturlosigkeit, fehlender Weitblick, mangelnde Kreativität. Hauptverantwortlich für diese Entwicklung ist aus meiner Sicht weniger der Käufer, sondern vielmehr der Hersteller und auch der Designer.

Bis zur Industrialisierung haben Hersteller, Baumeister, Schreiner und Schuhmacher Produkte nach Bedarf produziert. Mit der Industrialisierung kam die Wende zur Massenproduktion und nach dem Krieg der Durchbruch weltweiter Marketing-Methoden in der Wirtschaft und auch in der Politik. Mit dem Siegeszug des Marketings wurde in der Wirtschaft die Produktion von Wegwerfplunder angekurbelt und in der Politik die Beliebigkeit gefördert.

Die Unternehmer- und Politiker-Generation nach dem Krieg wollte Probleme lösen. Die heutigen Unternehmer und Politiker wollen Marktanteile erhalten. Aus Schwarz wird Orange, aus Angela wird Angie. Es gedeihen Worthülsen statt konkreter Lösungen. Die Begründungen für den Niedergang sind immer gleich:

- Der Wähler will es so
- Der Konsument will es so

Ich behaupte, dass weder der Wähler noch der Konsument häufig wissen, worum es geht. In vielen Produkten stecken Gefahr und Verlogenheit, die man als Konsument überhaupt nicht bewerten kann. Wir sind weiter denn je davon entfernt, mit einem informierten Bürger eine aktive Demokratie zu leben und mit einem mündigen Bürger eine freie Marktwirtschaft zu stärken.

Wenn man Kinder befragen würde, ob sie Vollkornbrot oder Schokolode wollen, dann wird die Mehrheit der Kinder Schokolode verlangen, doch als verantwortungsvolle Mutter muss ich wissen, dass Kinder auch auch Vollkornbrot brauchen.


Vom Natur-Design zum Industrie-Design

Evolution ist eine fortschreitende, sich optimierende Entwicklung. Sie hat Lebensformen wie Termiten und Elefanten, Orchideen und Bäume, Vögel und Fische und schließlich sogar den Menschen hervorgebracht.

Es lässt Hoffnung aufkommen, dass wir über die Weiterentwicklung unseres Bewusstseins ein Design zum Überleben und nicht für den Untergang entwickeln.

Design begann in der Renaissance. Aus der Verbindung von Naturwissenschaft und Kunst entwickelte sich das Design. In den Werken Leonardo da Vincis vereinten sich Kunst und technischer Entwurf; er gilt deshalb vielen als der erste Designer.

Die Design-Geschichte umfasst nicht allein technische und ästhetische Entwicklungen, sondern immer auch kulturelle und ökologische Aspekte. Es ist nicht nur eine Geschichte der Formen, sondern auch der Lebensformen von der Aufbruchgesellschaft der 50er Jahre über die Sättigungsgesellschaft der 70er Jahre bis zur Überdrussgesellschaft der 90er Jahre.

Heute steht Design vor der Herausforderung einer Mangelgesellschaft im 21. Jahrhundert und braucht eine Orientierung an den Grenzen des Planeten.

Design ist gut, wenn es funktionell ist, wenn es ästhetische Ansprüche befriedigt, wenn es der Benutzer als gut empfindet und in Zukunft, wenn es nicht den Interessen zukünftiger Generationen widerspricht. Was Design nicht ist, kann auch beantwortet werden. Design ist auf jedenfalls nicht Kunst. Kunst erstellt Originale, Design Serien. Kunst ist subjektiv, Design braucht Objektivität. Kunst ist häufig Selbstzweck, Design ist Dienstleistung.


Ökologische Spielregeln und Bionik-Design

Wenn wir eine nachhaltige Entwicklung für eine lebenswerte Zukunft wollen, müssen wir im Bereich Design die Spielregeln der Natur einhalten. Die heutige ökologische Problemlage ist aus dem Verhalten des Menschen und seiner Systeme entstanden, die von der Natur entkoppelt sind. Für die nachhaltige Entwicklung benötigen wir selbst auferlegte Grenzen des Handelns, um nur noch das zu tun, was uns dient. Hierzu beispielhaft einige übergeordnete Spielregeln der Natur:

- Die Regel der Unabhängigkeit vom Wachstum (Frederic Vester)
- Die Regel der Symbiose und Kooperation (Frederic Vester)
- Die Regel der Entfernungsreduktion und Energieeffizienz
- Die Regel der Verständigung und Kommunikation (Jürgen Habermas)

Wir brauchen Inspiration und Spielraum für Phantasie in der Wirtschaft und Bionik-Design für die Formgestaltung. Bionik-Design versucht, Biologie und Technik zusammenzuführen. Es geht nicht darum, die Natur zu kopieren, sondern vielmehr ihren unglaublichen Reichtum an genialen Konstruktionen für eine Weiterentwicklung zu nutzen. Bionik ist ein Werkzeug für nachhaltiges Design, nicht mehr, aber auch nicht weniger.


10 Thesen zum Design

Prof. Dr. Dieter Rams hat seine Grundüberlegungen, seine Philosophie des Design vor einigen Jahren in Form von 10 einfachen Thesen formuliert: Sie sind nicht als endgültige Regeln zu verstehen, sondern als flexible Anleitung, die sich weiter entwickeln muss, ebenso wie sich Technik und Kultur weiter entwickeln.

- Gutes Design ist innovativ
- Gutes Design macht ein Produkt brauchbar
- Gutes Design ist ästhetisch
- Gutes Design macht ein Produkt verständlich
- Gutes Design ist unaufdringlich
- Gutes Design ist ehrlich
- Gutes Design ist langlebig
- Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail
- Gutes Design ist umweltfreundlich
- Gutes Design ist so wenig Design wie möglich


Neuorientierung und Berufung

Was der Zukunft nicht dient, verspielt sein Recht in der Gegenwart. Design der Zukunft muss:

- die Natur erhalten
- die Ressourcen schonen
- sich an den Grenzen orientieren und
- einen Beitrag zur Aufwertung unserer Lebenswelten leisten.

Massenprodukte mit globaler Konsum-Symbolik fördern die Gleichheit und gefährden die Freiheit. Freiheit und Kreativität sind jedoch unverzichtbare Voraussetzungen für Demokratie und freie Wirtschaft. So gesehen ist Design – ein Design für die Vielfalt unserer Lebensräume und Lebensstile – auch ein Gestalten der Freiheit und Zukunft der Demokratie.

Der Beruf des Designers ist nicht mehr eingrenzbar auf Kreativität und handwerkliches Können. Der Beruf des Designers ist ein umfassender Beruf für Wahrnehmung schöpferischer Verantwortung für die Natur und die Gesellschaft. Ein Wasserbauer, der einmal ökologisch über ein Flussbett nachgedacht hat, wird sich in Zukunft schwer tun, Flüsse in gerade Betonbetten zu zwängen.
So wird es jedem Designer ergehen, der sich über vertiefendes Wissen mit den Prinzipien der Natur auseinander setzt und die Ziele verfolgt:

- Weg von der Massenproduktion unsinniger Wegwerfprodukte
- Weg von der Verschwendung von Energie und Rohstoffen
- Weg von der Verhässlichung der Lebenswelten unserer Kulturlandschaften
- Hin (Rückkehr) zu Manufaktur und Kunst
- Hin zum Einsatz erneuerbarer Energie und nachwachsender Rohstoffe
- Hin zur Verschönerung unserer Lebenswelten und der Kulturlandschaft


Welt der Regionen

Die ökologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme der Weltgesellschaft zwingen die Staatengemeinschaft zu einer globalen Allianz, zum Management der knappen Ressourcen. Europa hat sich bereits auf den Weg zu dieser Entwicklung gemacht. Die in der Vergangenheit durch Machtanspruch und Kriege gezogenen Staatsgrenzen werden sich als offene Wunden der Menschheitsgeschichte entlarven. Gegenüber den globalen Machtstrukturen und der Staatengemeinschaft wird sich eine Allianz der Regionen entfalten.

Mitte der 70er Jahre wurde durch eine Gruppe anerkannter Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten die Vision einer demokratischen Weltgemeinschaft von 1000 Regionen mit einer globalen Steuerungsgruppe skizziert. Nach ihren Kriterien wäre der Freistaat Bayern in seiner Flächenausdehnung eine perfekte Modellregion mit seinen rund 13 Millionen Einwohnern.


Bayern und Bayern Design – Modellregion und Weltmarke

Bei einer langfristig orientierten Regionalisierung der Weltwirtschaft und einer innovativen Entwicklung von Regionen kann Bayern mit seiner ökologischen, kulturellen Vielfalt und seiner gut strukturierten Wirtschaft ein Schrittmacher für die Weltentwicklung werden. Im Vergleich der Länder ist der Freistaat Bayern die geeignete Leitbild-Region für eine nachhaltige Entwicklung nach den Richtlinien der Agenda 21:

- Umwelt: Bayern ist eine der schönsten Kultur- und Naturlandschaften von den Alpen bis nach Unterfranken.

- Wirtschaft: Bayern ist eine der erfolgreichsten Wirtschaftsregionen mit großen Firmen von BMW bis mittelständischen Firmen wie Nürnberger Lebkuchen.

- Gesellschaft: Bayern hat eine heimatorientierte, verwurzelte Gesellschaft mit gewachsenen Beziehungen und vielfältigem Kulturkapital.

Die „Rückorientierung zur Region“ ist kein „Zurück auf die Bäume“, sondern vielmehr ein zukunftsorientiertes Abkoppeln von der falschen globalen Entwicklung. Je mehr die Gesellschaft durch den Globalisierungssog zerrissen wird, desto mehr sehnt sich der Einzelne nach einer Heimatbeziehung und Verwurzelung.

Für Bayern geht es nicht um eine Marketing-Strategie zur Positionierung der Region, sondern um eine Entwicklungsstrategie für nachhaltige Weltmärkte. Verschieden Nachhaltigkeitsmärkte sind heute weltweit noch nicht erschlossen:

- Nachhaltige Wasserwirtschaft
- Nachhaltige Landwirtschaft
- Nachhaltiger Tourismus
- Nachhaltige Energiewirtschaft
- Nachhaltige Mobilität
- Nachhaltiger Konsum

Bayern hat zwar die besten Firmen für die Erschließung dieser Märkte, aber diese haben keine Produkte. BMW und Audi sind weltberühmt, bieten aber keine Konzepte an, die den heutigen Anforderungen nachhaltiger Mobilität unter Energieeinsparung und reduzierter Luftbelastung entsprechen.

Bayern hat jedoch das Potential, auf der einen Seite die großen Firmen und „Global-Player“ und auf der anderen Seite die Mittelstandsfirmen in den Regionen.


Chance für Bayern Design

„Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“
Victor Hugo

Die Erschließung dieser Nachhaltigkeitsmärkte erfordert zunächst Recherchen, Marktforschung und die Ausarbeitung von Richtlinien. Es sind innovative Produkte für Problemmärkte zu entwickeln und die Kriterien für ein regionalorientiertes Bayern-Design festzuschreiben.

Es kann davon ausgegangen werden, dass die Erschließung der Märkte sehr erfolgreich sein wird, da Ziel ist, Probleme zu lösen und nicht in bereits besetzten Märkten den Wettbewerb zu verschärfen:

- Im Marktbereich nachhaltiger Wasserwirtschaft fehlen weltweit innovative Produkte für den Grundwasserschutz, die effiziente Bewässerung in der Landwirtschaft, die Nutzung des Regenwassers und es fehlen Systemprodukte für den Hochwasserschutz. Erst vor zwei Jahren hat in München die erste Hochwasser-Messe der Welt stattgefunden. Und Hochwasserschutz ist weltweit, so traurig die Tatsache ist, ein wachsender Markt.

- Im Marktbereich nachhaltige Landwirtschaft werden in den Entwicklungsländern landwirtschaftliche Geräte der Mittleren Technologie benötigt – Geräte für den Ökologischen Landbau, Stallkonzepte für artgerechte Tierhaltung.

Die Problematik ist seit Jahren bekannt, doch kaum jemand kümmert sich strategisch und langfristig orientiert um die Lösung der Probleme. Mehrheitlich konzentrieren sich die Führungskräfte der Industriestaaten in Politik und Wirtschaft auf klassische Märkte in Asien oder auf die nächste Wachstumswelle für Automobile. In vielen dieser Märkte kann es kein weiteres Wachstum geben und Arbeitsplätze können nur dort geschaffen werden, wo eine nachhaltige Entwicklung möglichst naturnah stattfindet.

Hierfür werden Ideen, ein innovatives Design und mutige Designer gesucht!

Wir empfehlen, Bayern als Pionierregion für nachhaltige Entwicklung in der Welt zu profilieren und Bayern Design als Regionalmarke für eine Globalisierung der Nachhaltigkeit zu entwickeln. Unser Interesse besteht an einer Zusammenarbeit mit Bayern Design für die Testregion Unterfranken.

Wir haben noch alle Chancen, die Probleme zu lösen. Auf der Welt gibt es genügend Geld. Es gibt genügend Mittel und es gibt genügend Bereitschaft.

Ich möchte mit einer dialektischen Ausführung frei nach Emanuel Kant schließen:

Jetzt oder nie
Hier oder dort
Teuer oder billig
Schön oder hässlich
Richtig oder falsch
ist immer oder niemals
alles möglich oder unmöglich.


Ich stelle deshalb die Frage an Sie:

Wenn nicht jetzt – wann dann?
Wenn nicht Sie – wer dann?
Wenn nicht in Bayern – wo dann?


Ich wünsche Ihnen anregende Gespräche und vor allem eine nachhaltige Wirkung meines Vortrags.

Vielen Dank


Rudolf L. Schreiber
DBU: 10. Internationale Sommerakademie, 8. Juli. 2004
Workshop: Perspektive Regionalentwicklung

Beitrag Rudolf L. Schreiber/Pro Natur GmbH, Frankfurt


Neue Wege im Naturschutz:
Wie muss Nachhaltigkeit kommuniziert werden?


Was heißt Nachhaltigkeit? Unsere Vorfahren konnten Nachhaltigkeit nicht definieren, haben sie jedoch praktiziert: in der Forstwirtschaft, in der Architektur, im Alltag.
Das Konzept der Nachhaltigkeit ist kein Entwurf der Neuzeit. Es ist ein Weltkulturerbe. Alle vormordernen Kulturen waren Hochkulturen der Nachhaltigkeit. Nachhaltiger Umgang mit der Natur und ihrer Ressourcen war die notwendige Überlebensstrategie.

Eine der schönsten Definitionen von Nachhaltigkeit stammt von einem Indianerstamm, der seine Nachhaltigkeitsregeln mit dem wohl längsten Seenamen der Welt beschreibt: „Manchau gagog changau gagog chaugo gagog amaug“. In deutscher Sprache heißt das: Wir fischen auf unserer Seite, Ihr fischt auf Eurer Seite und niemand fischt in der Mitte! Eine offensichtlich einfache Anweisung für den nachhaltigen Umgang mit lebensnotwendigen Ressourcen.

In unserer heutigen Gesellschaft steigt der Wunsch nach zukunftsfähiger Entwicklung, doch kaum jemand weiß, was sie bedeutet. Laut repräsentativer Umfragen wünschen sich über 90 % der deutschen Bevölkerung eine nachhaltige Entwicklung, doch nur rund 13 % der Bürger können beschreiben, was sie darunter verstehen.

In den Führungsetagen der Politik und Wirtschaft ist „Sustainable Development“ seit spätestens Rio ’92 ein feststehender Begriff. Die Agenda 21 für eine zukunftsfähige, nachhaltige Entwicklung der Weltgesellschaft ist akzeptiert, sie wird jedoch nicht ausreichend umgesetzt. Nach wie vor wirtschaften die Schrittmacherstaaten der wachstumsorientierten Weltwirtschaft erfolgreich gegen die durch die Agenda 21 festgelegten, nachhaltig orientierten Ziele für das 21. Jahrhundert:

Erstens: die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen

Zweitens: die Sicherung der Wirtschaft und Schaffung von Arbeitsplätzen

Drittens: die Förderung sozialer Gerechtigkeit und Lebensqualität

Die Folgen der Fehlorientierung bestimmen täglich die Inhalte aller Medien: Klimaveränderung, Überschwemmungen, Rückgang der Artenvielfalt, Verlust der Arbeit, zunehmende kriminelle Energie – die Liste der Katastrophenstichworte ist lang.

Der Fall der Mauer, das Ende des Kalten Krieges, war auch das Ende der Machtbegrenzung, das Ende miteinander konkurrierender Systeme und damit der Anfang unbegrenzter globaler Waren- und Kapitalströme. Innerhalb weniger Jahre ist eine Welt entstanden, die das Industriezeitalter ebenso hinter sich gelassen hat wie den Kommunismus und alte Spielregeln des Umgangs. Wir leben heute in einer Weltinformationsgesellschaft ohne kommunikative Grenzen. Das hat gute und schlechte Seiten – Globalisierung ist Chance und Schicksal. Positiv sind der internationale Austausch von Wissen, die Verbreitung gemeinsamer Werte und der Aufbau transnationaler Netzwerke. Negativ ist die Konzentration der Wirtschaft und die zunehmende Macht weniger Konzerne. Die Selbstregulierung des Marktes funktioniert nicht mehr.

Vor dem Hintergrund der beinharten Realitäten benötigen wir radikales Denken als Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung. Doch Denken und Worte allein werden nicht genügen. Taten müssen folgen. Vor diesem Hintergrund benötigen wir einen Aufbruch zu neuen Aufgaben, eine Kehrtwende, in der die Naturschutzbewegung ihr vertrautes Feuchtbiotop des Naturschutzes aufgibt und eine innovative Vordenkerrolle für ein nachhaltiges Wirtschaften und nachhaltigen Konsum einleitet.

Die Naturschutzbewegung steht vor der Herausforderung, eine Gegenkraft zum gegenwärtigen Trend zu bilden und auch durch Kommunikation über unsere natürlichen Lebensgrundlagen den notwendigen Wertewandel mit einzuleiten. Ohne Einsicht in die Zusammenhänge und ohne eine ökologisch orientierte Ethik, die alles Leben auf der Erde mit einschließt, kann weder die Gesellschaft überleben noch die Natur erhalten werden. Die Mitwirkung der Öffentlichkeit, die Aufklärung und Motivation des Bürgers ist das Fundament für die nachhaltige Entwicklung.

So gesehen, ist Kommunikation für eine nachhaltige Entwicklung über Umwelt, über Natur, über Wirtschaft und Gesellschaft zwingend notwendig. Nur der aufgeklärte Bürger wird Verständnis für die Entscheidungen haben und die Bereitschaft entwickeln, sein Verhalten zu ändern. Veränderungen des Verhaltens können freiwillig wiederum nur erreicht werden, wenn sich die Werte ändern. Es ist deshalb wichtig, dass die Umweltaufklärung nicht nur über Naturbelange informiert, sondern auch einen Beitrag zur Veränderung der Gesellschaft leistet.

Kommunikation für nachhaltige Entwicklung muss über Umweltkommunikation hinausgehen und neue Werte aufbauen. Nicht der Besitz, sondern das Bessere für unser Leben in der Zukunft muss die Werteskala der Selbsteinschätzung mit bestimmen. Neue Werte kommunizieren heißt auch, zu einer neuen Sicht der Wirklichkeit aufzurufen und zu einem naturschutzübergreifenden Engagement der Naturschutzbewegung aufzufordern. Ohne Naturschutz, ohne intakte Natur wird es keine intakte Gesellschaft und Wirtschaft geben. Die Wirtschaft muss Naturschutz als Selbstschutz begreifen, und der Naturschutz muss die Aufgaben der Wirtschaft mit bedenken. Der Naturschutz muss sich vom Biotopschutz zum Biosphärenschutz, das heißt, Systemschutz für Natur, Wirtschaft und Gesellschaft weiter entwickeln. Die Naturschutzorganisationen müssen sich als treibende Kraft für nachhaltiges Wirtschaften in den Regionen verstehen.

Moderner Naturschutz darf folglich nicht mehr isoliert gesehen werden, er muß sich als dritte Kraft neben Politik und Wirtschaft verstehen und neue Wege für eine nachhaltige Entwicklung ebnen. Konkret bedeutet dies auch, dass der Naturschutz unabhängig vom Sponsoring der Wirtschaft werden muß. Sponsoring ist „eine abartige Form, geraubtes Geld zurückzugeben“. Eine der wichtigsten Aufgaben der Gesellschaft kann und darf nicht von Spendengeldern und Hobby-Aktivitäten abhängig sein. Es kommt darauf an, davon zu überzeugen, dass Naturschutz nicht eine Randaufgabe, sondern eine zentrale Zukunftsaufgabe ist.

Um dieses Ziel zu erreichen, sind Kommunikationsmaßnahmen und Pressearbeit unverzichtbare Instrumente. Kommunikation kann helfen, Einstellungen zu verän-dern und der Krise der Vernunft mehr Raum für die Logik des Herzens zu geben. Auch das ist entscheidend in der Kommunikation, denn der Weg zum Kopf muß durch das Herz geöffnet werden.


Nachhaltige Entwicklung erfordert Neuorientierung der Gesellschaft

Die Weltgesellschaft steht vor dem größten Paradigmenwechsel ihrer Geschichte. An den Grenzen der Belastbarkeit des Planeten Erde ist, sofern wir sie nicht verlassen können, keine weitere Expansionsorientierung bzw. Lebensraumeroberung möglich. Was die Welt braucht, ist eine „Weltinnenpolitik“, eine demokratische Entwicklung von Regionen jenseits nationaler Grenzen. Nationale Grenzen sind Wunden der Geschichte. Die Welt ist nach der Gaja-Hypothese von Lovelock ein sich selbst regulierendes, nachhaltiges, globales System. Globalisierung ist deswe-gen keine Erfindung der Neuzeit, sondern, ökologisch gesehen, ein alter Hut. Neu sind die Möglichkeiten der globalen Ausbeutung der Kommunikationsmittel und die moderne Logistik.

Nachhaltige Entwicklung erfordert nachhaltigen Konsum. Fest steht, dass es eine nachhaltige Entwicklung nur dann geben kann, wenn wir die Zukunft der Selbstbestimmung innerhalb der Grenzen des Wachstums sehen:

- Wir können nicht mehr verbrauchen als nachwächst.
- Wir können die Umwelt nicht mehr belasten als sie sich regeneriert.
- Wir dürfen nicht zu Lasten zukünftiger Generationen leben.

Um dies zu vermitteln und einen nachhaltigen Konsum einzuleiten, müssen komplexe Botschaften verständlich vermittelt werden. Auf einer begrenzten Welt kann es kein unbegrenztes Wachstum und keine grenzenlose Befriedigung aller Bedürfnisse mit materiellen Produkten geben. Unsere Wirtschaft muss sich von der Befriedigung von Scheinbedürfnissen für ihr eigenes Wachstum abwenden und die elementaren Bedürfnisse der Menschen befriedigen, nämlich die Erhaltung der Umwelt, gesunde Nahrungsmittel, sichere Arbeitsplätze, Geborgenheit im Alter und eine lebenswerte Zukunft.

Naturschutz darf sich nicht vom Erlös der Ausbeutung finanzieren lassen, sondern muss seinen eigenen Weg als treibende Kraft der Gesellschaft suchen und realisieren. Die Naturschutzbewegung darf im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung nicht nur ihre klassischen Ziele der Naturerhaltung verfolgen, sie muss auf eine Evolution der Werte und des Kaufverhaltens setzen.

Wir benötigen einen an der Basis verstärkten Widerstand der Vernunft gegen den unsinnigen Konsum unserer Zeit. Wir brauchen deshalb nicht nur die Erneuerung des Naturschutzes, wir brauchen eine neue Bewegung – eine Revolution des Kaufverhaltens – für eine aufgeklärte Konsumdemokratie.

Ich hoffe, dieser kurze Beitrag ist ein Baustein dafür.


8. Juli. 2004

Rudolf L. Schreiber
Pro Natur GmbH
Ziegelhüttenweg 43 a
60598 Frankfurt
r.schreiber@pronatur.de



Redemanusskript Vortrag 16. Oktober 2002
im Rahmen der Vortragsreihe "Wirtschaft und Behörde"
der Kauzen Bräu, Ochsenfurt


Nachhaltige Entwicklung in Unterfranken
Aktion Grundwasserschutz – Trinkwasser für Unterfranken
Herausforderung regionaler Brauereien für eine zukunftsfähige Region


Inhalt

Einführung
Vision: Weltkampagne „Save the Birds“
Vision: Kampagne Nachhaltiges Unterfranken
Globalisierung: Schicksal und Chance
Globale Umweltentwicklung
Globale Wirtschaftsentwicklung
Globale Gesellschaftsentwicklung
Vision: Weltparlament der Regionen
Vision: Rio 1992/Agenda 21 – Gebote für die Menschheit
Realität: Johannesburg 2002 – Großer Gipfel – kleine Taten
Freistaat Bayern: Region der Visionen
Die Bayerische Wasserwirtschaft als Schrittmacher
Kabinettsbeschluß 1997: Göttliche Eingebung
Aktion Grundwasserschutz – Initiative für nachhaltige Entwicklung
Brauwirtschaft – Braukunst Made in Garmany
Vision: Revolution aus der Region

Einführung


Verehrtes Auditorium,
sehr geehrter Herr Dr. Pritzl,
lieber Karl-Heinz Pritzl!


Mein Rechtsanwalt hat mich gebeten, zu Anfang des Vortrags auf mögliche Nebenwirkungen hinzuweisen und Ihnen die Gelegenheit zu bieten, Ihren Arzt oder Therapeuten anzurufen.

Warum?

Weil ich von Ihnen eine Kehrtwende in der Einbahnstraße des Denkens erwarte und Sie damit rechnen müssen:

• daß Visionen zur Realitäten werden und
• Realitäten sich als Visionen entlarven

Denn sogenannte Realitäten sind häufig nur der Ausdruck visionärer Ängste vor Veränderung oder realistische Gründe, um an der Macht zu bleiben und Besitz zu verteidigen.


Zitat:

„Wo kämen wir hin, wenn alle sagten,
wo kämen wir hin und niemand ginge,
um einmal zu schauen, wohin man käme,
wenn man ginge“.




Vision: Weltkampagne Save the Birds

• 1982: Weltkampagne und Weltbuch

• Motto: Global denken – lokal handeln

• Verhandlungen: 5 Jahre mit internationalen Verlagen und Firmen wie Lufthansa und Nestlé...

• Konzeption: Erstes Weltbuch mit nationalem Kapitel in jedem Erscheinungsland

• Nationale Autoren: Horst Stern, Prinz Claus der Niederlande, David Attenborough, Anfrage von Michael Gorbatschow

• Ergebnis: Alle Verlage und internationale Firmen haben abgelehnt mit der Begründung, das Projekt sei zwar schön, aber zu visionär und nicht machbar.

Die jahrelangen, erfolglosen Verhandlungen mit Konzernen führte zu einer Kehrtwende im Denken und der Idee einer Gemeinschafts-Kampagne für regionale Brauereien mit internationaler Wirkung.


Warum ist Vogelschutz unser Bier?

Beteiligte Brauereien

• Meckatzer Löwenbräu, Allgäu
• Alpirsbacher Klosterbräu, Schwarzwald
• Neumarkter Lammsbräu, Oberpfalz
• Würzburger Hofbräu, Unterfranken

1987: Erstauflage 80 000 Exemplare

• 14 Länder
• 10 Sprachen (chinesisch)
• 380 000 Exemplare Gesamtauflage
• Weltbestseller (3 Preise)
• Buch des Jahres 1987

Brief aus Kentucky

„Can you let me know where Alpirsbach lies, Mr. Schreiber!“

Vision: Kampagne Nachhaltiges Unterfranken

• 2002 Start: Kampagne „Nachhaltige Entwicklung“

• Motto: Lokal denken – global handeln

• Strategie: Durch Initiativen und Produkte von Unterfranken aus Einfluß auf eine globale, nachhaltige Entwicklung nehmen

• Information: Nur 8 % kennen nach neuester Untersuchung den Begriff „Nachhaltige Entwicklung“.

• Eine langfristige Aufklärungskampagne ist darum Voraussetzung für den gesellschaftlichen Konsens.

• Motivation: 15 000 Mitglieder der Handwerkskammer Unterfranken motivieren, Partner der Initiative zu werden, ihnen Ideen zu bieten und vor allem bei ihre unterfränkische Produkte zu kaufen.

In Deutschland sind 99 % der Unternehmen mittelständische Betriebe mit bis zu 500 Beschäftigten. In ihnen arbeiten 80 % aller Arbeitnehmer. Sie leisten 80 % der Berufsausbildung und 44 % der Wertschöpfung. Und was machen die Regierungen? Sie kümmern sich nur um die Großen.

• Kooperation: Bürger, Bauern, Handwerker, Mittelständler und Brauer, TV touring und Main-Post, sie – wir alle sollten uns engagieren.

Sicher wird es Ablehnung und Widerstände geben.

• Vor dem Hintergrund der lebensbedrohenden globalen Entwicklung der Weltgesellschaft sehe ich jedoch keine Alternative.

• Wir sollten wagen, gegen den Strom zu schwimmen – so wie der Lachs zur Quelle muß, um Eier abzulegen.

Globalisierung: Schicksal und Chance

Globalisierung ist nicht neu!

Ökologische Ströme wie Meeres- und Stoffströme sind schon immer global. Auch Insekten driften mit dem Wind und Vögel fliegen rund um den halben Globus.

Globalisierung ist die Entwicklungsgeschichte der Menschheit von Marco Polo bis zur Landung auf dem Mond. Sie ist im Prinzip nicht „gut oder schlecht“, sondern wie „Wasser und Feuer“, sie kann heilbringend und vernichtend sein, sie ist Schicksal und Chance zugleich.

Gute Seiten sind die globale Verbreitung gemeinsamer Werte und der Austausch von Wissen als Grundlage für den Aufbau einer universellen Gerechtigkeit für den Aufbau einer globalen Demokratie.

Schlechte Seiten sind die neue Dimension der Kapitalkonzentration, des Machtmißbrauchs und der globalisierenden Gewalt.

Neu sind die Formen, die zur weltweiten Gefährdung führen, die Beschleunigung der Vorgänge, die Digitalisierung des Kapitals.

Sie fördern extremen Reichtum für wenige bei gleichzeitiger extremer Notstandsarmut für viele. Und diese Entwicklung wiederum bedroht die Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft auf unserem Planeten.

Globale Umweltentwicklung

Seit 20 Jahren haben keines der großen Probleme gelöst:

• Die verfügbare Süßwassermenge auf der Erde ist seit 1970 um 30 % gesunken, eine Milliarde Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser.

• Die Getreideanbaufläche pro Kopf hat sich in 50 Jahren halbiert, 800 Mio. Menschen bekommen nicht genügend zu essen, um gesund zu leben.

• Seit Rio 1992 ist eine Waldfläche in der Größe Deutschland, Frankreich und Schweiz vernichtet worden.

• Jeden Tag sterben bis zu 200 Pflanzen- und Tierarten aus, die ökologische Vielfalt schwindet.

Globale Wirtschaftsentwicklung

• Weltkonzerne werden mächtiger als Regierungen, der Spielraum für nationale Wirtschaftspolitik wird kleiner.

• 500 Dollar-Milliardäre besitzen mehr Kapital als die 80 ärmsten Länder der Welt.

• Die Konzentration und damit der Rückgang der unternehmerischen Vielfalt ist bedenklich. Heute beherrschen:

- 6 Getreidekonzerne 85 % des Weltgetreidemarktes

- 4 Zuckerkonzerne 60 % des Zuckermarktes

- 10 Lebensmittelketten: 86 % des deutschen
Lebensmittelmarktes

Die Entwicklung ist nicht nur weltweit bedrohlich, sondern gefährdet auch in Deutschland die Zukunft des Mittelstandes, der Produktvielfalt ..der Regionen.

Globale Gesellschaftsentwicklung

• 10 % der Weltbevölkerung verbrauchen rund 80 % der Ressourcen

• Die Gesellschaft spaltet sich in eine 20 : 80 Zweiklassen-Gesellschaft.

• Während die einen mit zittriger Hand die 35-Cent-Bierdose von Aldi unter der Mainbrücke aufreißen, präsentieren andere den neuesten 350 000 Euro teuren Maybach auf einem Luxusliner vor der lückenhaften Silhouette New Yorks.

• Die Konzentration vernichtet Arbeit. In den nächsten 50 Jahren müssen daher weltweit 1,7 Mrd. Arbeitsplätze geschaffen werden.

• Heute leben weltweit rund 1,2 Mrd. Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag; die Armut ist Nährboden für die Radikalisierung der Gesellschaft.


Wie es weitergehen wird, weiß ich nicht, aber ich weiß, daß es so nicht weitergehen kann. Eine Weltgesellschaft die:

• ihre natürlichen Lebensgrundlagen zerstört

• Arbeit vernichtet statt sie zu schaffen

• die Gesellschaft spaltet und Menschen ausbeutet

ist weder nachhaltig noch zukunftsfähig. Wir benötigen deshalb eine

Neue Sicht der Wirklichkeit -

eine strategische Rückbesinnung auf Regionen als Gegenkraft zur Globalisierung....

Vision: Weltparlament der Regionen
(1977: A. Pattern Language. Christopher Alexander)

• Christopher Alexander, 1977, „Eine Mustersprache“

Wahrscheinlich das wichtigste Werk über Regionalentwicklung im letzten Jahrhundert. Das Buch skizziert die wunderbare Vision einer zukünftigen Weltgesellschaft, die aus möglichst autonomen Regionen bestehen soll.

• Die Region wird als eine Hierarchie sozialer und politischer Gruppen, ausgehend von den kleinsten lokalen Gruppen – Familien, Nachbarschaften – bis zu den größten Gruppen – Gemeinderäte und Regionalversammlungen beschrieben.

• Die Zahl der Bürgers einer Region wird mit 10 – 15 Mio. und einer Hauptstadt mit 500 000 Einwohnern angegeben.

• Nachhaltige Entwicklungskonzepte, die auf natürliche und geographische Eigenheiten der Region aufbauen, sollen zu möglichst hoher Autonomie führen, damit die vermittelnde Macht großer Staaten schwindet.

• Ziel der Vision ist eine zukunftsfähige Weltgesellschaft für 10 Mrd Menschen. 1 000 unabhängigen Regionen sollen wie 1 000 Staaten durch 1000 Regionalräte in einer Welt-Föderation vertreten werden. Eine schöne Vorstellung:

Nicht nur ein Europa der Regionen, sondern eine Welt der Regionen.


Realität: Weitermachen wie bisher

Trotz der vorgenannten globalen ökologischen Probleme und der zunehmenden Katastrophen läuft die Entwicklung auf der Erde weiter wie bisher:

• Der Energieverbrauch steigt
• Wasser wird knapp
• Ressourcen werden verbraucht
• Die Artenvielfalt nimmt ab
• Konzerne konzentrieren
• Die regionale Produktvielfalt nimmt ab
• Terror und Kriegsgefahr wird zum Alltagsthema ...

Was muß eigentlich noch passieren, bis eine Kurskorrektur eingeleitet wird?


Vision: Rio 1992/Agenda 21 - Gebote für die Menschheit

Die Agenda 21 ist die „moderne Bibel der Gutgläubigen“. Auch wenn sie sich so liest wie Lebertran schmeckt, ist sie doch die wichtigste Leitlinie für eine nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft.

Sie wurde 1992 in Rio von 30 000 Delegierten erarbeitet und von 179 Staaten der Erde unterzeichnet:

• Sie ist eine Fahrkarte zur globalen Demokratie
• Sie bietet eine neue Qualität der Bürgereinbindung
• Sie fordert regionale Chancen für globale Zukunftssicherung
• Sie baut Brücken zwischen vermeintlich feindlichen Lagern

Der wichtigste Begriff ist „Sustainable Development“ oder „Nachhaltige Entwicklung“. Darunter wird eine dauerhafte, umweltgerechte Entwicklung über die größtmögliche Zeit für die größtmögliche Zahl der Menschen angestrebt.

Die Agenda 21 will:

• Natur erhalten
• Arbeit schaffen
• Frieden sichern

Realität: Johannesburg 2002- Großer Gipfel – kleine Taten

Im August dieses Jahres fand der zweite Gipfel in Johannesburg statt. 60 000 Delegierte aus 190 Ländern haben versucht, die Grundlagen der Agenda von 1992 fortzuschreiben. Mit welchem Erfolg?

• Die Zahl der Menschen ohne Zugang zu sauberem Wasser soll bis 2015 halbiert werden...., das ist gut so!

• Für das Prinzip „Nachhaltige Entwicklung“ kämpfte die EU bis zuletzt. Die USA und eine Koalition der G 77-Staaten erzielten jedoch eine Streichung des Textes.

Bedauerlicherweise wurde keines der großen Gipfelziele erreicht:

• Die Entlastung der Umwelt: Auf später verschoben!

• Die Globalisierung zum Vorteil der Armen: Eine Illusion!

• Der Glaube an den Sieg liberaler Demokratien: Begraben unter Korruption und Terror!

Trotzdem: Die Agenda 21 ist die Leitlinie für die Zukunft:

Ökologische Realitäten (begrenzter Planet) und ökonomischer Sachverstand (Vernichtung der Arbeit) müssen zu einer „rationalen und radikalen „Umorientierung“ führen.

Unterfranken-Initiative 21 – Bürgerbewegung für Nachhaltige Entwicklung in Unterfranken...

... Wenn nicht jetzt – wann dann? Wenn nicht wir – wer dann?


Freistaat Bayern: Region der Visionen

Im Vergleich der Regionen für die mögliche Leitbildfunktion „Nachhaltige Entwicklung“ nimmt der Freistaat Bayern eine Spitzenposition ein. Bayern ist die geeignete Region für die Umsetzung der Agenda 21: Unterfranken sollte der Testmarkt sein.

• Umwelt: Eine der schönsten Kultur- und Naturlandschaften von den Alpen bis nach Unterfranken

• Wirtschaft: Eine der besten Wirtschaftsregionen mit erfolgreichen Firmen von BMW über Bocksbeutel bis Kauzenbräu.

• Gesellschaft: Eine heimatorientierte, verwurzelte Gesellschaft mit vielfältigem Kulturkapital und nachhaltiger Kirchturm-Politik.

• Kirchturm-Politik sehe ich positiv.

Die „Rückorientierung zur Region“ ist kein „Zurück auf die Bäume“, sondern vielmehr ein richtiges und Abkoppeln von einer falschen Entwicklung auf der Welt.

Diese Einsicht sollte eine Herausforderung für den Freistaat und die CSU sein. Sie vertritt mit ungewöhnlich hohem Wähleranteil die Interessen von 13 Mio. Menschen in einer Region. Das traditionelle Bayern könnte mit seiner fruchtbaren Wurzelmentalität und global orientierter Kirchturmpolitik eine Hoffnungszone werden.

Bei der Neuorientierung geht es nicht um ein „Entweder – Oder“, sondern um „Sowohl als auch“. Globalisierung und Regionalisierung – beides wird es geben:

• auf der einen Seite die großen globalen Konzerne und Akteure,
• auf der anderen Seite der kleine Dachdeckerbetrieb in Ochsenfurt


Die Bayerische Wasserwirtschaft als Schrittmacher

Der Mangel an Süßwasser steht in der Liste der Umweltprobleme des 21. Jahrhunderts an erster Stelle.

70 % des Trinkwassers werden von der Landwirtschaft verbraucht, doch nur jeder zweite Liter erreicht die Pflanzen.

Wasser ist die wichtigste Ressource der Welt, die am unproduktivsten genutzt wird. Das verdeutlicht, die Nutzung optimiert und neue produkte zu entwickeln sind.

Viele Länder sind von dem Investitionsbedarf überfordert und benötigen die Weltbank als Partner.

Gefährlich ist in diesem Zusammenhang allerdings der Trend zur Privatisierung der Wasserversorgung. Ein Blick ins Ausland sollte vor diesem Weg warnen:

• In England gab es 1974 noch 3 000 kommunale Unternehmen – 1989 gab es noch 10 Aktien-Gesellschaften

• In Holland waren es 1960 noch 180 kommunale Unternehmen – aktuell entwickelt sich die Konzentrationstendenz auf 10 Konzerne

Neben Auswirkungen der Konzentration wie der Verlust von Arbeitsplätzen steigen die Wasserpreise und sinkt vielerorts die Trinkwasserqualität. Profit ist keine Garantie für Qualität.

Das Wasser, für Konzerne eine begehrliche Ressource, um den Shareholder Value zu erhöhen, ist verständlich. Für die Gesellschaft ist Privatisierung der Wasserwirtschaft falsch und wir sollten die Parolen von Konzernlenkern und Politikern entlarven, die sagen:

• Markt – und meinen Macht
• Fortschritt – und meinen Technik
• Freiheit – und meinen Profit
• Weniger Staat – und meinen weniger Demokratie

Auch wenn die tief decolletierte Monika Ferres und der Wadenbeißer Oliver Kahn sowie die ehemalige Grünen-Sprecherin Gunda Röstel für E.on werben, Bayern sollte hart bleiben. Die Empfehlung für die Wasserwirtschaft heißt nicht privatisieren, sondern optimieren.

Die Bayerische Wasserwirtschaft gilt als eine effiziente staatliche Verwaltung. Sie ist ein wertvoller Entwicklungspartner für die Sicherung der globalen Wasserversorgung. Doch wer weiß das? Und Wissen im verborgenen ist ebenso unwirksam wie Samen in einer Samenbank.

Kabinettsbeschluß 1997: Einstieg in die Vision

Kabinettsbeschluß 1997 und Ziele der Regierung von Unterfranken:

• Durch Öffentlichkeitsarbeit über die Wasserverhältnisse informieren

• Die Eigenverantwortung beim Bürger vor Ort wecken

• Zu gesellschaftlichem Konsens für eine Nachhaltige Entwicklung in Unterfranken auffordern

Ergebnis der Bemühungen ist die Aktion Grundwasserschutz – Trinkwasser für Unterfranken

Aktion Grundwasserschutz – Initiative für nachhaltige Entwicklung

Grundwasserschutz, d. h. die möglichst ortsnahe Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser aus Grundwasser, hat in Unterfranken einen ernsten Hintergrund:

• Die Grundwasserbildung ist ungünstig. Hier fällt nur ein Viertel des jährlichen Niedeschlags wie in Südbayern

• Die Bodenschichten sind dünn und haben eine schlechte Filterwirkung; Schadstoffe gelangen leicht ins Grundwasser

• 75 % des Trinkwassers ist belastet; Hauptproblem Nitrat und Pflanzenschutzmittel

Grundwasser kann in Zukunft nur geschützt werden, wenn es gelingt, daß sich alle engagieren und wir eine nachhaltige Entwicklung verfolgen. Dabei geht es nicht nur um eine „nachhaltige Wasserwirtschaft“, sondern um alle Bereiche:

• nachhaltige, grundwasserverträgliche Landwirtschaft

• nachhaltige Forstwirtschaft

• nachhaltige Regionalentwicklung

• nachhaltiger Tourismus

• und letztendlich um nachhaltigen Verbraucherschutz

Eine solche Entwicklung bietet große Chancen und Unterfranken sollte sich als „Silicon Valley der Nachhaltigkeit“ profilieren.
Ich bin fest davon überzeugt, daß die großen Probleme der Weltgesellschaft auch die größten Märkte der Zukunft werden.

Brauwirtschaft – Braukunst Made in Germany

Die unterfränkischen Brauereien möchte ich motivieren, Partner der Aktion zu werden. Sie könnten „Leit-Brauereien“ für die Förderung von grundwasserverträglichem Qualitätsmalz und Weizen aus Unterfranken werden.

Heute werden in Unterfranken nur noch rund 20 000 ha Braugetreide statt wie ehemals 60 000 ha angebaut: schlecht für das Grundwasser!

Rund 60 % aller deutschen Brauereien haben ihren Sitz in Bayern (55% aller europäischen Brauereien). Bayern ist das bekannteste Bierland der Welt und war in der Vergangenheit berühmt wegen:

• dem Bayerischen Reinheitsgebot
• der traditionellen handwerklichen Braukunst
• des Qualitätshopfens aus der Holledau
• des Braugetreides aus Unterfranken

Unterfrankens Brauereien könnten das Reinheitsgebot neu definieren.

Reines Wasser – Reine Rohstoffe – Reines Bier: Braukungst made in Unterfranken.

Empfehlung:

Traditionelles Brauverfahren, kontrollierte Rohstoffe, Hausbrauerei-Technologie, Kommunikations-Handbuch.

Vision: Revolution aus der Region

Revolution ist die Bezeichnung für eine besondere Form des historischen Wandels und der Aufhebung von ungewollten Umständen. Wir brauchen ein neues Einkaufsverhalten.

„Zu oft kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, mit Geld, das wir nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht leiden können“!

Wenn wir es ernst meinen mit der nachhaltigen Entwicklung, dürfen wir nicht „Weiterkaufen wie bisher“, es fördert nämlich ein weiteres Wirtschaften wie bisher:

• steigenden Ressourcenverbrauch
• die Globalisierung der Konsumstile
• unnötige Transporte


Der Lebensmittelkonsum ist in den letzten 30 Jahren kaum gestiegen, aber der Transport hat sich verdoppelt:

• Noch vor rund 100 Jahren bezogen wir 95 % unserer Lebensmittel aus dem Blickfeld eines Kirchturms. Heute beziehen wir doppelt soviel Gemüse und 10 x soviel Obst aus Europa und Übersee.

• Bis zu 95 % der Waren- und Geldströme zirkulieren heute großräumig, vielerorts nur noch 5 % kleinräumig. Dieser Anteil ist, wenn möglich, in Regionen bis auf 50 % zu steigern.

• Es macht auch keinen Sinn, Rindfleisch aus Argentinien auf den Tisch zu bringen, das bereits 1 900 km per Schiff, Lkw und Pkw zurückgelegt hat, wenn das Rindfleisch aus der Rhön zu Fuß nach Ochsenfurt kommen kann.

• Auch was den Wasserverbrauch angeht, ist Information nötig: Spargel aus Deutschland benötigt in trockenen Zeiten rund 150 Liter für die Bewässerung.


• Grüner Spargel aus Kalifornien braucht immerhin ca. 1 500 Liter pro Kilogramm. Welche unterfränkische Hausfrau weiß schon, daß sie mit diesem Kauf den Wasserverbrauch in Kalifornien fördert?

Damit kein Mißverständnis aufkommt: Nichts gegen Kiwis aus Neuseeland, Orangen aus Israel oder Hering von der Nordsee. Unsinnig ist nur der Transport von Produkten, die in der Region von höchster Qualität hergestellt, verarbeitet und auch konsumiert werden könnten.

Es ist auch nicht alles richtig, was oft vollmundig wird. Zum Beispiel: Direkt-Vermarktung ab Hof beruhigt zwar das Gewissen und fördert die Beziehung zum Landwirt, sie kann jedoch falsch sein. Dutzende von Pkw-Fahrten zu einem Bio-Hof können mehr Benzin verbrauchen als ein Lkw, der zum Markt in die Stadt fährt.

Es darf nicht verteufelt, sondern es muß verbessert werden: Analysen, differenzierte Betrachtungen, neue Wege werden gebraucht.

Die beste Strategie für einen langfristigen Erfolg werden nicht Appelle, Reden oder Aktionen sein, sondern bessere Lösungen und Produkte:

• das bessere Wasser
• das bessere Bier
• das bessere Brot

Die Region Unterfranken, der Bauch Bayerns, sollte zur Heimat guter Produkte für hohe Lebensqualität und eine lebenswerte Zukunft werden.

Ich wiederhole:

Wenn nicht jetzt – wann dann?
Wenn nicht wir – wer dann?
Und sagen Sie nicht, Sie hätten es nicht gewußt!


Ich wünsche Ihnen sowohl einen nachdenklichen als auch einen fröhlichen Abend und vor allem eine nachhaltige Wirkung meines Vortrags.



Rudolf L. Schreiber
Pro Natur GmbH
16. Oktober 2002

Vorträge